Deutschland 2040: Botschaft an die Generation der Zwanzigjährigen
Ich konfrontiere Sie heute mit einem besonderen Format. Ich sende eine Botschaft an die heute Zwanzigjährigen. Ich tue dies, weil der Pessimismus, die Weltuntergangsstimmung und der frustrierte Blick in die Zukunft gerade wahnsinnig machen. Bei den jüngsten Wahlen haben viele junge Menschen ihre Stimme Parteien gegeben, die an den politischen Rändern stehen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde die AfD unter den 18- bis 24-Jährigen stärkste Kraft mit 41 Prozent. Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl erreichte die Linke bei den 16- bis 24-Jährigen 43 Prozent und wurde damit die stärkste Partei dieser Altersgruppe. Bei der Bundestagswahl 2021 lagen in dieser Altersgruppe noch Grüne und FDP vorn. Es geht offensichtlich nicht um eine politische Ideologie, die Wahlentscheidungen sind Ausdruck von Zukunftsangst, Wut und Frustration.
Viele junge Menschen zweifeln daran, ob die Gesellschaft ihnen noch Aufstieg, Eigentum, Sicherheit, Sinn und Zuversicht bieten kann. Sie blicken auf hohe Mieten, auf demographische Probleme, auf internationale Krisen und auf politische Debatten, die häufig wie ein Wettbewerb um die gerechteste Verteilung von Knappheiten erscheinen. Wer so auf die Zukunft blickt, beginnt irgendwann zu glauben, seine besten Möglichkeiten lägen bereits hinter ihm.
Politiker und politische Parteien schweigen dazu. Sie haben den Mut zum Träumen, zum Kampf um und für Visionen, zu oft verloren. Gerade deshalb möchte ich mich an einem solchen Bild versuchen. Nicht als Utopie und nicht als Wunschtraum, sondern als eine realistische Möglichkeit. Als ein Deutschland des Jahres 2040, das aus Entwicklungen entsteht, die heute bereits sichtbar sind.
Deutschland ist dann vielleicht nicht das reichste Land der Welt. Es könnte jedoch eines der lebenswertesten Länder der Welt sein. Ein Land, das wirtschaftliche Stärke mit Freiheit, Sicherheit, kultureller Vielfalt und hoher Lebensqualität verbindet. Ein Land, in dem technischer Fortschritt nicht als Bedrohung empfunden wird, sondern als Werkzeug menschlicher Selbstverwirklichung.
Die Künstliche Intelligenz hat sich bis dahin ähnlich selbstverständlich in den Alltag eingefügt wie einst Strom oder das Internet. Sie erledigt einen großen Teil der Routinen, die heute Zeit, Geld und Nerven kosten. Jeder Mensch verfügt über leicht anwendbare digitale Assistenten, die recherchieren, organisieren, planen und übersetzen. Behörden arbeiten weitgehend automatisiert. Wer ein Unternehmen gründet, eine Baugenehmigung beantragt oder einen neuen Wohnsitz anmeldet, erledigt dies oft in wenigen Minuten. Nicht die Technik selbst ist die eigentliche Errungenschaft. Der wahre Gewinn besteht in der Zeit, die sie den Menschen zurückgibt.
Besonders deutlich zeigt sich dies in den Schulen. Jedes Kind verfügt über einen persönlichen KI-gestützten Lernbegleiter, der sich an Lernfortschritte, Talente und Interessen anpasst. Unterricht findet häufiger in kleinen Gruppen statt. Lehrer werden nicht ersetzt, sondern aufgewertet. Sie sind weniger Verwalter und stärker Mentoren, Vorbilder und Persönlichkeiten. Es wird Leistung gemessen und erwartet. Begabungen werden früher erkannt. Schwächen gezielter ausgeglichen. Deutschland fehlt es an Rohstoffen, nicht an Köpfen. Bildung dient der Entdeckung eigener Fähigkeiten. Die Schule des Jahres 2040 hilft jungen Menschen nicht nur dabei, Wissen zu erwerben. Sie hilft ihnen, herauszufinden, wer sie werden möchten.
Auch die Arbeitswelt hat sich 2040 grundlegend verändert. In vielen Industrieanlagen arbeiten Roboter rund um die Uhr. Die sogenannten „Dark Factories“ produzieren Fahrzeuge, Maschinen, Medikamente oder elektronische Bauteile weitgehend autonom. Schwere körperliche Arbeit, gefährliche Tätigkeiten und monotone Routinen werden von Maschinen übernommen. Aber der Mensch verschwindet dadurch nicht aus der Wirtschaft. Arbeitszeiten werden flexibler, auch wenn Erwerbsarbeit weiter unser Leben bestimmt. Sie rückt jedoch in jene Bereiche vor, die Maschinen auch langfristig nur begrenzt beherrschen werden. Kreativität, Führung, Verantwortung, Unternehmergeist, Empathie, Bildung, Forschung, Pflege und Kultur gewinnen an Bedeutung. Die erfolgreichsten Teams bestehen nicht aus Menschen oder Maschinen, sondern aus Menschen und Maschinen.
Besonders die ökologische Frage hat ihr Gesicht verändert. Die Debatten der zwanziger Jahre wurden häufig von Verzicht und Knappheit geprägt. Im Jahr 2040 steht dagegen die Idee des Fortschritts im Mittelpunkt. Die Balance der Speicherung und Nutzung von Wasser wurde ebenso gefunden wie eine der geänderten Klimabedingungen angepasste Landwirtschaft. Fortschritte bei Solarenergie, Speichertechnologien, Kernenergie und möglicherweise der Kernfusion haben Energie zu einem weitgehend gelösten Problem gemacht. Industrie, Verkehr und Haushalte verfügen über preiswerte, saubere und verlässliche Energie in bisher nicht gekanntem Umfang. Die Landschaft wird dadurch vielerorts schöner. Flüsse, Wälder und Kulturlandschaften gewinnen Raum zurück. Die Menschen stellen fest, dass Wohlstand und Naturschutz keine Gegner sein müssen. Die Natur profitiert nicht vom Stillstand der Zivilisation, sondern von ihrer technologischen Weiterentwicklung.
Die Medizin hat einen ähnlich tiefgreifenden Wandel erlebt. Krankheiten werden früh erkannt, oft lange bevor sie Beschwerden verursachen. Präzisionsmedizin und neue Therapien verhindern Leid, bevor es entsteht. Die große Leistung der Medizin besteht nicht darin, Menschen unendlich alt werden zu lassen. Ihr Erfolg liegt darin, Gesundheit, Mobilität und Lebensfreude über viele Jahrzehnte zu erhalten. Das Alter verliert seinen Schrecken. Es wird zu einer aktiven Lebensphase. Wer siebzig Jahre alt ist, gründet Unternehmen, reist, engagiert sich politisch oder beginnt nochmals zu studieren. Die Gesellschaft entdeckt, dass Erfahrung und Innovation keine Gegensätze sind.
Europa selbst wirkt im Jahr 2040 jünger, als viele es sich heute vorstellen können. Mit mehr Kindern, jünger im Denken. Die großen Krisen der zwanziger Jahre haben den Kontinent gezwungen, erwachsen zu werden. Europa hat gelernt, seine Freiheit zu verteidigen, seine Energieversorgung selbst zu sichern und technologische Abhängigkeiten zu verringern. Aus Verteidigungsbereitschaft entstand Selbstvertrauen. Aus Selbstvertrauen entstand Zusammenhalt. Europa ist nicht deshalb friedlich, weil es schwach geworden wäre. Europa ist friedlich, weil niemand mehr an seiner Fähigkeit zweifelt, seine Freiheit zu schützen.
Aus dieser Entwicklung ging auch eine neue Kultur der Verantwortung hervor. Das Pflichtjahr wurde zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Junge Menschen leisten ihren Beitrag bei den Streitkräften, im Katastrophenschutz, in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder sozialen Projekten. Was anfangs wie eine auferlegte Verpflichtung wirkte, entwickelte sich für viele zu einer prägenden Erfahrung. Menschen verschiedener sozialer Gruppen lernen einander kennen. Viele entdecken erstmals Fähigkeiten, von denen sie selbst nichts wussten. Das Pflichtjahr wird zu einer Schule der Demokratie, weil es Verantwortung vermittelt. Es wird zu einer Schule der Freiheit, weil es zeigt, dass Freiheit und Gemeinsinn zusammengehören.
Mitten in diesem Europa liegt eine freie, sichere und prosperierende Ukraine. Die Städte Kyjiw, Lwiw, Charkiw und Odessa gehören zu den dynamischsten Zentren des Kontinents. Universitäten, Technologieunternehmen und Forschungsinstitute ziehen Menschen aus ganz Europa an. Die Ukrainer haben gezeigt, dass Freiheit einen Preis hat und dass sie diesen Preis wert ist. Ihr Weg in die europäische Gemeinschaft gehört zu den großen Erfolgsgeschichten des Kontinents.
Vielleicht wird Europa 2040 sogar etwas sein, das heute nur wenige für möglich halten. Nicht der wirtschaftlich mächtigste Raum der Welt, aber der Ort mit der höchsten Lebensqualität. Während andere Weltregionen mit Wasserknappheit, politischen Spannungen oder unkontrolliertem Wachstum kämpfen, bietet Europa Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, kulturellen Reichtum, gute Bildung, eine funktionierende Umwelt und ein hohes Maß an individueller Freiheit. Millionen Menschen wollen nicht mehr aus Europa fort.
Die Denker, die ein solches Bild zeichnen, sind keine Fantasten. Die Zukunftsforscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee beschreiben die enormen Produktivitätsgewinne der intelligenten Technologien. Rutger Bregman erinnert daran, dass nahezu jeder große Fortschritt der Menschheitsgeschichte irgendwann als unrealistische Utopie galt. Hans Rosling hat gezeigt, wie häufig die Welt sich verbessert, obwohl ihre Bewohner überzeugt sind, sie verschlechtere sich. Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, dass Fortschritt weder Zufall noch Naturgesetz ist. Fortschritt entsteht, wenn freie Menschen Probleme lösen wollen.
Die Zukunft ist nicht etwas, das einem widerfährt. Sie ist kein Film, den andere drehen, während man zuschaut. Die Schulen des Jahres 2040 müssen von jemandem gebaut werden. Die Kernfusion muss von jemandem entwickelt werden. Die Unternehmen, Universitäten, Krankenhäuser, Start-ups und kulturellen Institutionen dieser Zukunft müssen von jemandem gegründet, geleitet und erneuert werden. Die Freiheit Europas muss von jemandem verteidigt werden.
Wenn ich auf das Jahr 2040 blicke, sehe ich deshalb nicht zuerst Maschinen, Energiequellen oder politische Institutionen. Ich sehe Menschen: Ich sehe eine Generation, die gelernt hat, die Möglichkeiten ihrer Zeit zu nutzen, statt sich von ihren Sorgen definieren zu lassen. Wer heute zwanzig Jahre alt ist, hat seine Zukunft nicht hinter sich. Er und sie können sich sogar darauf freuen.
P.S: Zuversicht lässt sich nicht verordnen, nur weitergeben. Vielleicht leiten Sie diesen Text an Kinder und Enkel weiter. Fragen Sie dann nicht, ob er gefallen hat. Fragen Sie: „Was müsste passieren, damit du dich auf 2040 freust?“ Könnte ja ein Gespräch am Wochenende werden.